Seit Jahrtausenden gibt es Wissende, Wissenschaftler, die in engem Austausch standen. Sie waren die Hüter des Wissens und stellten es allen Menschen bereit. Rückfragen an die Wissenden waren nicht vorgesehen – die Wissenweitergabe erfolgte durch Erzählung, Vorlesung, später durch Bücher – als Einbahnstraße. Wozu auch anders? Die Empfänger der Botschaft waren ja die weniger Wissenden, die nur lernen wollten.
Heute erleben wir das Gegenteil. Kaum ein Wissender, kaum ein Wissenschafter kann sich gegen das Meer der Kommentare und Posts von Unwissenden noch durchsetzen, alles wir angezweifelt von Leuten, denen das Anzweifeln nicht im Geringsten zusteht. Das tut oft weh.
Ist das vernünftig?
Es gab einen Wandel von einer herrschaftlichen Wissensordnung zu einer vernetzten Kommunikationsordnung.
Der Unterschied ist weniger, dass Menschen widersprechen, das gab es immer schon, sondern dass sie dies öffentlich, unmittelbar und massenhaft tun.
Das Alte war gut und hatte natürliche Schwächen: die Wissenden konnten sich irren, sie konnten Kritik unterdrücken, neue Erkenntnisse hatten es sehr schwer – siehe Galilei.
Heute lebt Wissenschaft davon, dass Behauptungen öffentlich überprüft werden dürfen. Wenn nur die Wissenden sprechen dürften, gäbe es viele wissenschaftliche Fortschritte, gäbe es wohl auch die Energiewende nicht. Wissenschaft ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch, wie eigentlich immer schon, organisierter Zweifel.
Doch die Nachteile der heutigen Entwicklung sind erdrückend.
Die sozialen Medien haben eine Situation geschaffen, in der:
– Fachwissen und Meinung gleich aussehen,
– Lautstärke mehr Aufmerksamkeit erhält als Kompetenz,
– Algorithmen Konflikte belohnen,
– Menschen die Grenzen ihres Wissens schlecht erkennen.
Ein angesehener Physikprofessor und jemand, der zehn Minuten ein Video angesehen hat, erscheinen auf einer Plattform gleichberechtigt. Das Problem ist nicht, dass Laien Fragen stellen oder widersprechen, sondern dass die Unterschiede zwischen Wissen und Meinung unsichtbar werden.
Jeder hat das Recht zu zweifeln. Hat jede Kritik das gleiche Gewicht?
Wenn ein Brückenbauer etwas über Statik sagt, sollte seine Aussage mehr Gewicht haben als die deren, welche die Brücke nur passieren. Er weiss nunmal viel mehr.
Es sollte eigentlich weiter so sein, dass die Stimme der Wissenden lauter ist als alle anderen. Nur – dem ist nicht so.
Was kann getan werden?
Zensur oder eine Gelehrtenherrschaft, wo Weise (Āyat Allāh*) als Zeichen (āya) Gottes (Allāh) allen anderen das Wissen predigen, sind nicht unser Weg.
Was wünschen wir uns? Im Kern zwei Dinge:
Gute Wissenschaftsvermittelung
Experten müssen verständlich erklären. Ich tue das immer wieder und sehe: Es ist möglich.
Die Wissenden müssen öffentlich stark präsent sein – so schwer es ist, langsam dringen wir durch und viele von Euch helfen dabei
Wir brauchen Bildung in den Grundlagen der Erkenntnis
Fakten haben keine Bedeutung, solange nicht klar ist, woher sie stammen
Wissen entsteht nur aus dem beliebig wiederholbaren Versuch, der immer das gleiche Ergebnis liefert
nur wer sachverständig solche Versuche transparent durchführen kann ist eine belastbare Quelle – der Rest ist Geschwätz
Man geht nicht zur Schule, um zu lernen. Man geht zu Schule, um zu lernen, wie man lernt. Mit anderen Worten: Wie man erkennt, ob etwas wahr ist. Nur das ist wichtig.
Das eigentliche Problem heute ist also der zunehmende Verlust einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie man erkennt, ob etwas wahr ist.
Früher vertraute man Autoritäten stark.
Heute vertrauen viele überhaupt keinen Autoritäten.
Beides sind Extreme. Allerdings ist das zweite Extrem das gefährlichere.
Eine funktionierende Wissensgesellschaft braucht begründetes Vertrauen: Wer über Jahrzehnte auf einem Gebiet gearbeitet hat, verdient mehr Gehör als jemand, der sich gestern erstmals damit beschäftigt hat. Die Wissenschaft braucht nicht weniger, sondern bessere Kritik.
Die Fähigkeit, gute von schlechter Kritik zu unterscheiden, sollte zu einer der wichtigsten Kulturtechniken werden.
Auch wenn wir manchmal ein Gefühl der Ohnmacht haben, geht der Wandel doch in die richtige Richtung.
Wer vor 25 Jahren, wie z.B. ich, behauptet hatte:
Windstrom wird billiger als Kohle- und Gaskraftwerke.
Solarstrom wird nahezu nichts kosten,
Deutschland werde bald mehr als die Hälfte seines Stroms aus Wind und Sonne erzeugen und bald darauf dann auch 100%,
Elektrolyseure und Wasserstoffwirtschaft würden zu einem ernsthaften Industriezweig werden…
der wurde von allwissenden Fachleute für einen Träumer und Spinner gehalten. Fand ich immer dumm, weil ich es ja wusste.
Aber das ist ein gutes Beispiel für Wandel in der Wissenschaft, denn heute ist es genau so, wie ich damals erwartet hatte.
Letztlich ist es immer falsch von dem auszugehen was schon da IST. Man muss immer von dem ausgehen, was Möglich ist und dann das Daseiende verändert.
Die Gesellschaft bewegt sich oft viel langsamer als wir Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Unternehmer es gerne hätten – aber sie bewegt sich.
Das eigentliche Problem:
Menschen entscheiden selten aufgrund von Fakten allein.
Ein Landwirt, der gegen grosse Solarfelder ist, redet weder über Energie noch Strompreis, sondern über seinen Acker.
Ein Anwohner diskutiert nicht über Stromgestehungskosten, sondern über die Ruhe in seinem Garten.
Ein Politiker diskutiert nicht über Physik – sondern über die Interessen derer, die er vertritt.
Jeder verteidigt Interessen, Identität, Gewohnheiten oder Ängste.
Deshalb scheitert der Satz: “Die Fakten liegen doch auf dem Tisch.” fast immer.
Denn für viele Beteiligte liegen gar keine Fakten auf dem Tisch, sondern Werte, Emotionen und Interessen.
Die Meinung in den sozialen Medien ist dabei nicht das Problem.
Wenn man sich große historische Fehlentscheidungen anschaut, wurden sie selten vom Volk verursacht. Die meisten Katastrophen entstanden durch:
politische Eliten,
wirtschaftliche Interessen,
ideologische Lager
und die grossen Widersprüche zwischen all dem.
Der Bürger hat meist weniger Einfluss als er glaubt.
In der Energiewende sahen wir häufig nicht den Widerstand der Bevölkerung als Hauptproblem, sondern:
Einzelinteressen, die die Feinheiten der Rechtslage nutzen,
kleine aber laute Gruppen,
langwierige Genehmigungsverfahren,
widersprüchliche Regulierung
und ständige politische Richtungswechsel.
Das sind Systemprobleme, keine Wissensprobleme.
Was kann man tun?
1. Nicht jede Debatte führen
Viele Menschen versuchen, jeden Kritiker zu überzeugen.
Das ist fast immer verlorene Energie. Wer seine Meinung aus Identität bezieht, wird weder durch Excel noch durch PowerPoint überzeugt. Das kann man sich sparen.
Mein Ansatz: gehe dahin, wo du gehört wirst und rede. Das reicht.
2. Noch wichtiger: Erfolgreiche Beispiele schaffen
Das ist der wirksamste Weg.
Eine funktionierende Anlage, ein wirtschaftlicher Speicher, ein erfolgreiches Nahwärmenetz oder ein profitables Verbundkraftwerk überzeugen viel mehr Menschen als hunderte Diskussionen und Präsentationen.
Menschen glauben erst an Dinge, wenn sie sie sehen.
Genau das ist es, was wir tun: Bertikow, Hybridkraftwerk, Windwärmespeicher, Schwarzstart aus dem Verbundkraftwerk… Dinge zum anfassen, die funktionieren.
Lasst uns also einfach machen. Am wirksamsten ist das, wenn es ohne lange Ankündigung plötzlich da ist und gut funktioniert. Wert hat am Ende nur das, was gebaut wird und sich beweist.
Wenn man die Entwicklung der letzten 16 Jahre betrachtet, sieht man einen bemerkenswerten Erfolg. Die Welt hat sich massiv in Richtung erneuerbarer Energie bewegt.
Es ist ganz schlicht:
Die richtigen Ideen setzen sich durch, weil sie die billigere, praktischere und nützlichere Lösung sind.
Und man kann das vorher wissen – wenn man sich die Verhältnisse, die zur Verfügung stehenden Mengen vor allem die kommenden technischen Möglichkeiten genau ansieht.
Genau das ist bei Windkraft, Photovoltaik und Wasserstoff und Akkus zu beobachten. Sie setzen sich durch.
Die entscheidende Frage ist nicht: “Wie überzeuge ich alle?” sondern: “Wie mache ich die bessere Lösung so gut, dass sie sich durchsetzt?”
Das ist mühselig – aber der Weg, auf dem technologische Revolutionen gewonnen werden.
Und das ist unsere AUFGABE.
Zum Abschluss dazu noch ein paar durchaus erfreuliche Zahlen. Von 2010 bis heute gibt es die folgenden Entwicklungen in der weltweiten Energiewirtschaft:
Kohlekraftwerke: +50% – von 1.450 GW um 2.200 GW.
Weltölförderung: +26% – von 84 Mio. zu 106 Mio. Barrel/Tag
Weltgasförderung: +27% – von 3.3 zu 4.2 Billionen m3 pro Jahr
Kernkraft: +5% – von 375 GW zu 395 GW, als fast nichts.
erneuerbarer Energie vom Verbrauch: +46% – von 13 zu 19%
Windkraft: +560% – von 198 zu 1.300 GW
Photovoltaik: +5.900% – von 40 zu 2390 GW
Batteriespeichersysteme: + 35.000% – von 1 zu 350 GW
Wasserstoff aus erneuerbarer Energie: +5.000.000.000 % – von 0,04 Mio. Tonnen pro Jahr (ENERTRAG 2010) zu 2 Mio. Tonnen pro Jahr
So sieht die bessere Lösung aus. Machen wir das.
Dies war ein Vortrag anlässlich des ENERTRAG Sommerfestes am 19.6.2026
*eingedeutscht Ayatollah
