!

Über das Wissen

Seit Jahrtausenden gibt es Wissende, Wissenschaftler, die in engem Austausch standen. Sie waren die Hüter des Wissens und stellten es allen Menschen bereit. Rückfragen an die Wissenden waren nicht vorgesehen – die Wissenweitergabe erfolgte durch Erzählung, Vorlesung, später durch Bücher – als Einbahnstraße. Wozu auch anders? Die Empfänger der Botschaft waren ja die weniger Wissenden, die nur lernen wollten.

Heute erleben wir das Gegenteil. Kaum ein Wissender, kaum ein Wissenschafter kann sich gegen das Meer der Kommentare und Posts von Unwissenden noch durchsetzen, alles wir angezweifelt von Leuten, denen das Anzweifeln nicht im Geringsten zusteht. Das tut oft weh.

Ist das vernünftig?

Es gab einen Wandel von einer herrschaftlichen Wissensordnung zu einer vernetzten Kommunikationsordnung.

Der Unterschied ist weniger, dass Menschen widersprechen, das gab es immer schon, sondern dass sie dies öffentlich, unmittelbar und massenhaft tun.

Das Alte war gut und hatte natürliche Schwächen: die Wissenden konnten sich irren, sie konnten Kritik unterdrücken, neue Erkenntnisse hatten es sehr schwer – siehe Galilei.

Heute lebt Wissenschaft davon, dass Behauptungen öffentlich überprüft werden dürfen. Wenn nur die Wissenden sprechen dürften, gäbe es viele wissenschaftliche Fortschritte, gäbe es wohl auch die Energiewende nicht. Wissenschaft ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch, wie eigentlich immer schon, organisierter Zweifel.

Doch die Nachteile der heutigen Entwicklung sind erdrückend.

Die sozialen Medien haben eine Situation geschaffen, in der:

– Fachwissen und Meinung gleich aussehen,
– Lautstärke mehr Aufmerksamkeit erhält als Kompetenz,
– Algorithmen Konflikte belohnen,
– Menschen die Grenzen ihres Wissens schlecht erkennen.

Ein angesehener Physikprofessor und jemand, der zehn Minuten ein Video angesehen hat, erscheinen auf einer Plattform gleichberechtigt. Das Problem ist nicht, dass Laien Fragen stellen oder widersprechen, sondern dass die Unterschiede zwischen Wissen und Meinung unsichtbar werden.

Jeder hat das Recht zu zweifeln. Hat jede Kritik das gleiche Gewicht?

Wenn ein Brückenbauer etwas über Statik sagt, sollte seine Aussage mehr Gewicht haben als die deren, welche die Brücke nur passieren. Er weiss nunmal viel mehr.

Es sollte eigentlich weiter so sein, dass die Stimme der Wissenden lauter ist als alle anderen. Nur – dem ist nicht so.

Was kann getan werden?

Zensur oder eine Gelehrtenherrschaft, wo Weise (Āyat Allāh*) als Zeichen (āya) Gottes (Allāh) allen anderen das Wissen predigen, sind nicht unser Weg.

Was wünschen wir uns? Im Kern zwei Dinge:

Gute Wissenschaftsvermittelung

Experten müssen verständlich erklären. Ich tue das immer wieder und sehe: Es ist möglich.

Die Wissenden müssen öffentlich stark präsent sein – so schwer es ist, langsam dringen wir durch und viele von Euch helfen dabei

Wir brauchen Bildung in den Grundlagen der Erkenntnis

Fakten haben keine Bedeutung, solange nicht klar ist, woher sie stammen

Wissen entsteht nur aus dem beliebig wiederholbaren Versuch, der immer das gleiche Ergebnis liefert

nur wer sachverständig solche Versuche transparent durchführen kann ist eine belastbare Quelle – der Rest ist Geschwätz

Man geht nicht zur Schule, um zu lernen. Man geht zu Schule, um zu lernen, wie man lernt. Mit anderen Worten: Wie man erkennt, ob etwas wahr ist. Nur das ist wichtig.

Das eigentliche Problem heute ist also der zunehmende Verlust einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie man erkennt, ob etwas wahr ist.

Früher vertraute man Autoritäten stark.
Heute vertrauen viele überhaupt keinen Autoritäten.

Beides sind Extreme. Allerdings ist das zweite Extrem das gefährlichere.

Eine funktionierende Wissensgesellschaft braucht begründetes Vertrauen: Wer über Jahrzehnte auf einem Gebiet gearbeitet hat, verdient mehr Gehör als jemand, der sich gestern erstmals damit beschäftigt hat. Die Wissenschaft braucht nicht weniger, sondern bessere Kritik.

Die Fähigkeit, gute von schlechter Kritik zu unterscheiden, sollte zu einer der wichtigsten Kulturtechniken werden.

Auch wenn wir manchmal ein Gefühl der Ohnmacht haben, geht der Wandel doch in die richtige Richtung.

Wer vor 25 Jahren, wie z.B. ich, behauptet hatte:

Windstrom wird billiger als Kohle- und Gaskraftwerke.
Solarstrom wird nahezu nichts kosten,
Deutschland werde bald mehr als die Hälfte seines Stroms aus Wind und Sonne erzeugen und bald darauf dann auch 100%,
Elektrolyseure und Wasserstoffwirtschaft würden zu einem ernsthaften Industriezweig werden…

der wurde von allwissenden Fachleute für einen Träumer und Spinner gehalten. Fand ich immer dumm, weil ich es ja wusste.

Aber das ist ein gutes Beispiel für Wandel in der Wissenschaft, denn heute ist es genau so, wie ich damals erwartet hatte.

Letztlich ist es immer falsch von dem auszugehen was schon da IST. Man muss immer von dem ausgehen, was Möglich ist und dann das Daseiende verändert.

Die Gesellschaft bewegt sich oft viel langsamer als wir Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Unternehmer es gerne hätten – aber sie bewegt sich.

Das eigentliche Problem:

Menschen entscheiden selten aufgrund von Fakten allein.

Ein Landwirt, der gegen grosse Solarfelder ist, redet weder über Energie noch Strompreis, sondern über seinen Acker.

Ein Anwohner diskutiert nicht über Stromgestehungskosten, sondern über die Ruhe in seinem Garten.

Ein Politiker diskutiert nicht über Physik – sondern über die Interessen derer, die er vertritt.

Jeder verteidigt Interessen, Identität, Gewohnheiten oder Ängste.

Deshalb scheitert der Satz: “Die Fakten liegen doch auf dem Tisch.” fast immer.

Denn für viele Beteiligte liegen gar keine Fakten auf dem Tisch, sondern Werte, Emotionen und Interessen.

Die Meinung in den sozialen Medien ist dabei nicht das Problem.

Wenn man sich große historische Fehlentscheidungen anschaut, wurden sie selten vom Volk verursacht. Die meisten Katastrophen entstanden durch:

politische Eliten,
wirtschaftliche Interessen,
ideologische Lager
und die grossen Widersprüche zwischen all dem.

Der Bürger hat meist weniger Einfluss als er glaubt.

In der Energiewende sahen wir häufig nicht den Widerstand der Bevölkerung als Hauptproblem, sondern:

Einzelinteressen, die die Feinheiten der Rechtslage nutzen,
kleine aber laute Gruppen,
langwierige Genehmigungsverfahren,
widersprüchliche Regulierung
und ständige politische Richtungswechsel.

Das sind Systemprobleme, keine Wissensprobleme.

Was kann man tun?

1. Nicht jede Debatte führen

Viele Menschen versuchen, jeden Kritiker zu überzeugen.

Das ist fast immer verlorene Energie. Wer seine Meinung aus Identität bezieht, wird weder durch Excel noch durch PowerPoint überzeugt. Das kann man sich sparen.

Mein Ansatz: gehe dahin, wo du gehört wirst und rede. Das reicht.

2. Noch wichtiger: Erfolgreiche Beispiele schaffen

Das ist der wirksamste Weg.

Eine funktionierende Anlage, ein wirtschaftlicher Speicher, ein erfolgreiches Nahwärmenetz oder ein profitables Verbundkraftwerk überzeugen viel mehr Menschen als hunderte Diskussionen und Präsentationen.

Menschen glauben erst an Dinge, wenn sie sie sehen.

Genau das ist es, was wir tun: Bertikow, Hybridkraftwerk, Windwärmespeicher, Schwarzstart aus dem Verbundkraftwerk… Dinge zum anfassen, die funktionieren.

Lasst uns also einfach machen. Am wirksamsten ist das, wenn es ohne lange Ankündigung plötzlich da ist und gut funktioniert. Wert hat am Ende nur das, was gebaut wird und sich beweist.

Wenn man die Entwicklung der letzten 16 Jahre betrachtet, sieht man einen bemerkenswerten Erfolg. Die Welt hat sich massiv in Richtung erneuerbarer Energie bewegt.

Es ist ganz schlicht:

Die richtigen Ideen setzen sich durch, weil sie die billigere, praktischere und nützlichere Lösung sind.

Und man kann das vorher wissen – wenn man sich die Verhältnisse, die zur Verfügung stehenden Mengen vor allem die kommenden technischen Möglichkeiten genau ansieht.

Genau das ist bei Windkraft, Photovoltaik und Wasserstoff und Akkus zu beobachten. Sie setzen sich durch.

Die entscheidende Frage ist nicht: “Wie überzeuge ich alle?” sondern: “Wie mache ich die bessere Lösung so gut, dass sie sich durchsetzt?”

Das ist mühselig – aber der Weg, auf dem technologische Revolutionen gewonnen werden.

Und das ist unsere AUFGABE.

Zum Abschluss dazu noch ein paar durchaus erfreuliche Zahlen. Von 2010 bis heute gibt es die folgenden Entwicklungen in der weltweiten Energiewirtschaft:

Kohlekraftwerke: +50% – von 1.450 GW um 2.200 GW.

Weltölförderung: +26% – von 84 Mio. zu 106 Mio. Barrel/Tag

Weltgasförderung: +27% – von 3.3 zu 4.2 Billionen m3 pro Jahr

Kernkraft: +5% – von 375 GW zu 395 GW, als fast nichts.

erneuerbarer Energie vom Verbrauch: +46% – von 13 zu 19%

Windkraft: +560% – von 198 zu 1.300 GW

Photovoltaik: +5.900% – von 40 zu 2390 GW

Batteriespeichersysteme: + 35.000% – von 1 zu 350 GW

Wasserstoff aus erneuerbarer Energie: +5.000.000.000 % – von 0,04 Mio. Tonnen pro Jahr (ENERTRAG 2010) zu 2 Mio. Tonnen pro Jahr

So sieht die bessere Lösung aus. Machen wir das.

Dies war ein Vortrag anlässlich des ENERTRAG Sommerfestes am 19.6.2026

*eingedeutscht Ayatollah

Die 3 Stufen der Erkenntnis gelten besonders auch in der Energiewirtschaft

Stufe 1 – die niedrigste Erkenntnisstufe:

Dir ist alles klar.

Stufe 2 – die bereits etwas höhere Erkenntnisstufe:

Dir ist nichts mehr klar.

Stufe 3 – die höchste Erkenntnisstufe:

Du stellst die richtigen Fragen.

Beides ist wahr – aber in der Mitte ist die wirkliche Wahrheit

Neue Regierung setzt zu 100% auf Wasserstoff

Grüner Wasserstoff ist von höchster militärischer Bedeutung

Über grünen Wasserstoff wurde viel geredet – Gutes und Schlechtes – aber nun steht fest: Ohne Wasserstoff hat Deutschland keine Zukunft.

Nicht nur in Metallurgie, Chemie und Schienen- und Strassenverkehr, sondern auch beim Militär ist Wasserstoff das Maß aller Dinge: leicht im Inland herzustellen, leicht im Wasserstoffkernnetz zu transportieren und überall einsetzbar: die preiswerte einheimische Energie. In einer Zeit, wo viele glauben, sich wieder verteidigen zu müssen, sind wasserstoffbetriebene Drohnen die Lösung aller militärischen Fragen: praktisch unbegrenzte Reichweite, keine Nachschubprobleme beim Treibstoff, massenhaft herstellbar, schlagkräftig und umweltverträglich. Was will man mehr?

Kein Wunder also, dass Wasserstoff die tragende Säule der neuen Koalition im Bundestag ist.

Die Energiewende günstiger machen

Zum Beitrag von Lion Hirth u.a. in der FAZ vom 2. Januar 2025

Ja, es ist vollkommen richtig, dass die Energiewende keine Kehrtwende oder grosse Reform braucht. Ein Anzahl kleiner oder auch größerer Korrekturen im Rechtsrahmen würde Irrtümer der Vergangenheit heilen und die Kosten deutlich senken. Zu den 22 Punkten gibt es aber dennoch einiges zu sagen:

  1. Eine Anpassung des Zubaus erneuerbarer Energien unter Beibehaltung des 80%-Zieles ist eine missverständliche Forderung. Die Zubauziele im EEG von 8 GW Wind und 21 GW PV entsprechen etwa der langfristigen natürlichen jährlichen Erneuerungsrate dieser Energieanlagen und sind also wissenschaftlich korrekt. Anpassungen sind nur bezüglich einzelner teuerer Technologien nötig, siehe unten.
  2. Eine Anpassung des Netzausbaus ohne Abbruch bestehender Projekte ist sicher ratsam, denn bislang wurden die Auswirkungen des Wasserstoffkernnetzes auf den Netzausbau nicht berücksichtigt. Der Energietransport über H2-Netze aber ist viel kostengünstiger, als der Stromtransport und politisch im Gegensatz zu Stromleitungen kein Problem.
  3. Auch eine Giesskannenförderung energieintensiver Betriebe ist nicht sinnvoll. Hier muss priorisiert werden. Viel wichtiger aber ist die strategische Anpassung der Industrie an Preisschwankungen im Stromsektor – in einem Zeitalter erneuerbarer Energie sind Produktionsverfahren, welche rund um die Uhr produzieren oft nicht mehr sinnvoll.
  4. Die Anpassung des Wasserstoffkernetzes an einen noch garnicht bekannten realistischen Bedarf und an Importrouten ist derzeit nicht angezeigt. Das Kernnetz muss zügig in Betrieb gehen (und die fehlende Leitung in die Prignitz muss dazu!), denn es ermöglicht die großtechnische Speicherung von Wind- und Solarenergie in Form des Energieträgers H2. Der Import von Wasserstoff über den Seeweg ist keine Option, weil viel zu teuer – da kommt nur Ammoniak in Frage. Und Nachbarländer, welche uns in absehbarer Zeit per Rohrleitung H2 liefern wollen haben wir nicht. Das einzige Land, welches langfristig H2 liefern wollte, war Rußland, weshalb die NordStream-Rohre auch H2-ready sind. Aber das haben wir nun wohl vergeigt.
  5. Der Einsatz von blauem Wasserstoff (aus Erdgas-Dampfreformierung mit CCS, also Verpressung des CO2 in die Erde) wird leider auch in diesem Beitrag gefordert. Er ist aber langfristig keine Option und warum sollten man überhaupt erst damit anfangen? Führt das nicht nur dazu, den LNG-Absatz zu erhöhen und Trumps „Drill Baby, drill“ in den Wahnsinn zu steigern?
  6. Ein schneller Zubau von Gaskraftwerken ist, solange die viel effizientere und billigere Brennstoffzelle noch kein Massenprodukt ist, eine sinnvolle Option. Aber das diese für den Einsatz von H2 bereit sein müssen, ist unverzichtbar um klar zu machen, dass Erdgas keine Zukunft hat und Fehlentwicklungen zu vermeiden.
  7. Die Abschaffung der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen ist sinnvoll, wenn gleichzeitig Rahmenbedingen dafür geschaffen werden, dass Gebäude-Photovoltaik sich ohne Förderung lohnt bzw. im Neubau Pflicht wird. Gleichzeitig müssen Netzentgelte so geregelt werden, dass diese Anlagen sich volkswirtschaftlich optimal verhalten.
  8. Eine zügige Abschaffung der Förderprogramme für Heimspeicher, also Akkus, ist in diesem Zuge auch sinnvoll.
  9. Die angemessene Beteiligung von Eigenverbrauchsanlagen an den Kosten des Stromnetzes und der Bereitstellung gesicherter Leistung ist essentiell und längst überflüssig. Ob komplizierte dynamische Netzentgelte die Lösung sind, soll aber bestritten werden – immerhin ist der Anteil der Haushalte am Stromverbrauch mit unter 20% zu gering für so komplexe Lösungen. Es geht, wie in diesem Absatz verlinkt, auch einfacher.
  10. Die Regelungen für PV-Freiflächenanlagen kann man sicher verbessern, wir sollten aber nicht vergessen, dass die möglichst geringe Beeinträchtigung der Landwirtschaft hier die wichtigste Akzeptanzgrundlage ist. Viel wichtiger erscheint es, den überbordenden Netzausbau für Freiflächen PV dadurch zu stoppen, dass ein Anschluss an vorhandene Windkraftnetze Pflicht wird.
  11. Die Beendigung der Innovationsausschreibungen für Akkumulatorprojekte, welche sich auch so rechenen wird sicher kommen.
  12. Das Auslaufen der Biogasverstromung ist aufgrund der hohen Kosten von Biogas und der damit verbundenen Umweltlasten tatsächlich wichtig.
  13. Die Reduktion der Offshore-Ausbauziele von 70 auf 50 GW oder weniger wäre eine starke kostensenkende Maßnahme, denn Offshore-Windkraft ist unverändert doppelt so teuer wie an Land.
  14. Die Forderung, dass die steigenden Genehmigungen im Rahmen der Ausschreibungen auch zu Kostensenkungen führen erscheint überflüssig, denn das wird bei hinreichender Überzeichnung von selbst geschehen.
  15. Dass die Stromerzeugung sich konsequent an Preissignalen ausrichten soll ist sicher nicht verkehrt – aber nicht hinreichend. Nur in Verbindung mit Verbundkraftwerken und Speichern ergibt sie Sinn, denn der erzeugbare Strom muss als Energieträger nutzbar gemacht werden, wenn die Stromnachfrage gedeckt ist.
  16. Die Forderung Freileitungen statt Erdkabel zu bauen ist absolut sinnvoll und spart Milliarden. Noch günstiger sind aber vielerorts Wasserstoffleitungen.
  17. Die Teilung der deutschen Strompreiszone wird immer wieder gern gefordert und war noch nie mehrheitsfähig. Nach wie vor erscheint eine Lösung über entfernungsabhängige Netzentgelte hier einfacher.
  18. Ein konsequentes Unbundling in den Verteilnetzen ist immer sinnvoll.
  19. Ob ein Einbau von intelligenten Stromzähler im Haushaltsbereich mit Steuerung über das Internet viel hilft oder im Gegenteil zum Blackout führt (Marc Elsberg) ist ein viel zu wenig diskutiertes Thema.
  20. Die Vergabe von Netzanschlüssen nach ökonomischen Kriterien und jedenfalls nicht nach Antragseingang ist absolut sinnvoll – wenn dies zum zügigen Entstehen von Verbundkraftwerken führt.
  21. Das sich die Behebung von Netzengpässen an den Kosten ausrichten muss, auch bei der Abregelung von Erneuerbaren, ist eigentlich klar – aber dennoch leichter gesagt als getan. Auf keinen Fall darf die Finanzierung des Zubaus dadurch viel teurer werden, dass Unsicherheiten bezüglich der zu erwartenden Erlöse zu massiven Zinsaufschlägen führen – was die Energiewende viel stärker mit Kosten belasten würde.
  22. Und ja: die Netzentgeltrabatte für die Industrie müssen intelligenter ausgestaltet werden, sodass sie
    einer Strommarktorientierung nicht im Wege stehen. Am besten sollte es garkeine Rabatte geben. Und ganz wichtig: Elektrolyseure müssen (entfernungsabhängige) Netzentgelte zahlen, denn es hat keinerlei Sinn, den H2 erzeugerfern herzustellen, wenn der Transport von H2 durch Rohre weniger als 10% des Stromtransportes kostet.

Volle Fahrt statt Langsamfahrt – Was fehlt noch in dieser Legislatur für die Energiewende?

Die Bundesregierung ist mit enormen Ambitionen gestartet und hat eine Auszeichnung verdient, weil sie die Energiewende wieder aufgegleist und das richtige Tempo gesetzlich verankert hat. Doch noch stehen die Signale auf Gelb, auf kompromissgebremster Langsamfahrt.

Der zunehmende Ausbau verlangt vor allem nach Verbundkraftwerken als Teil der Kraftwerksstrategie, welche die Erzeugung aus Solar und Wind direkt ohne öffentlichen Netzausbau mit der Speicherung in Wasserstoff und Wärme verbinden. Nur so bleiben die Netzentgelte im Rahmen. Nur so findet Wertschöpfung an den Standorten der Energieerzeugung statt. Nur so können wir den H2-Bedarf der Industrie schnell decken. Nur so steigt die Akzeptanz.

 Die Kraftwerksstrategie baut auf dem Fundament der Erzeugung auf. Richtig. Doch noch in dieser Legislaturperiode müssen die Grundlagen für den darauf geplanten Rohbau gesetzlich verankert werden, damit genug Wasserstoff systemdienlich und erzeugungsnah hergestellt wird. Das wichtige Element sind klare regulatorische Bedingungen für den Strombezug von Elektrolyse und Wärmespeichern über Direktleitungen, vorrangig vor Netzbezug. Dazu gehört auch, dass an jedem Netzanschluss Wind und PV 1:1 anzuschließen sind. Ohne Verbundkraftwerke, also die Kraft-Wasserstoff-Wärmekopplung vor dem Netz, wird das System teuer und instabil.

 Energiewende muss schnell und günstig sein. Dazu gehört die Duldungspflicht von Leitungen und Wegenutzung nicht nur durch die öffentliche Hand, sondern durch jedermann. 10 – 20 km Leitung mit 100 – 200 Leitungsgrundstücken pro Projekt sind normal. Das darf nicht durch ewige Verhandlungen und am Ende teuere Verträge zulasten der Stromverbraucher erschwert werden. Das gilt auch für die Mitnutzung vorhandener Wege. Natürlich müssen auch die anderen Baustellen fertig werden: BImSchG, BauGB, BNatSchG, Bundeswaldgesetz und nationale Umsetzung der so genehmigungsrelevanten RED III.

 Die Kosten der Landnutzung müssen wieder sinken. Heutige Pachten verteuern die Energiewende um 20%, wobei ausgerechnet die staatlichen Verpächter die Preise treiben. Lösbar ist das Problem ausschließlich durch ein massives Überangebot an Flächen für Wind und Solar, welches die Preise fallen lässt. Es müssen mehr Flächen ausgewiesen werden, als benötigt werden. Dafür braucht es Vorgaben und Anreize. Sonst droht ein Kahlschlag in unserer erneuerbaren Firmenvielfalt durch Großbetriebe mit Quersubventionsbudget, manchmal sogar gespeist aus Kohleabfindung. Dabei lebt die Energiewende von der Akteursvielfalt und Verankerung vor Ort.

 Eines noch: Eine Volumenabsenkung von 4.093 MW auf 2.795 MW für die Ausschreibungen am 1. Mai 2024 ist hochgefährlich, zumal aus 2023-24 fast 4.700 MW Genehmigungen noch ohne Zuschlag sind. Nachdem der Höchstwert angepasst wurde, muss nun das maximale Volumen auch gebaut werden. Volle Fahrt statt Langsamfahrt.

 Nadine Kanu, Martin Beckmann und Jörg Müller, ENERTRAG, veröffentlicht in Neue Energie Mai 2024 S.26

Verband der Strompreiserzeuger fordert Abschaffung der europäischen Strombörse EEX

1.4.2024. Es ist höchste Zeit für faire Energiepreise! Der heute in Essen neu gegründete Verband der Strompreiserzeuger fordert einen radikalen Wandel am Strommarkt. Seit Abschaffung der EEG-Umlage kennt der Energiemarkt nur noch eine Richtung: nach unten. Die kriegsbedingten Ausreißer im Jahr 2022 konnten daran nichts ändern und die Strompreisbremsen erst recht nichts.

Jedes Mal, wenn die Sonne scheint, jedes Mal, wenn der Wind weht, strebt der Strompreis gegen Null. Das kann so nicht bleiben. Die Strompreiserzeuger fordern daher, die Strombörse EEX sofort aufzulösen und durch einen Strommarktstabilisierungsfonds zu ersetzen. Die Aufgabe dieses Fonds ist sehr einfach: bei hohem Energieangebot saugt er die Energie auf und transferiert diese in Zeiten geringen Energieangebotes. So bleibt der Energiepreis stabil. Das nützt auch den Stromkunden, die den stündlich wechselnden Preisen längst nicht mehr folgen können.

Die Bundesregierung, welche bekanntlich sehr dem Bürokratieabbau verpflichtet ist, unterstützt die Initiative der Strompreiserzeuger ausdrücklich. Jeder Strompreis, der unverändert bleibt, erspart der Bevölkerung mühsame Anpassungen sowie Nach- und Rückverfolgungen der Preisdynamik. Auch die damit verbundene Papiereinsparung senkt die CO2-Emissionen unseres Landes massiv.

Jeder Bürger, welcher sich stabile Energiepreise wünscht, sollte unverzüglich dem Verband der Strompreiserzeuger beitreten und damit für klare, unverfälschte und jederzeit faire Strompreise zu sorgen. Jenseits von Null.

Dampflokomotiven

Ich bin ein grosser Freund von Dampflokomotiven – es sind Kunstwerke des Maschinenbaus. Und sie funktionieren ohne Internet und Elektronik. Also zuverlässig. James Watt sei Dank. Doch die Erfindungen zweier anderer Menschen verdrängten sie aus unserem Leben: diese beiden waren Rudolf Diesel und Nikolaus Otto. Wer sie nicht kennt, kennt doch ihre Motoren – und diese hatten eine dreifach höhere Effizienz als Dampfmaschinen. Genau das was das Ende meiner geliebten Dampfloks.

Nun, ein Jahrhundert später, erlebt die Energiewirtschaft noch einmal eine solche Umwälzung. Unser heutiges Energiesystem ist zwar dreimal effizienter als Dampfloks, hat aber immer noch 75% Verluste – das sind die Energiemengen, welche aus Auspuffen, Kühltürmen und Schornsteinen nutzlos entweichen.

Ein Energiesystem, welches aber nicht mehr auf Verbrennung von Rohstoffen, sondern auf Solarstrom und Windenergie beruht, kennt weder Auspuff, noch Kühlturm, noch Schornstein. Fast alle heutigen Energieverluste werden also verschwinden. Ein Energiesystem auf Grundlage erneuerbarer Energie hat per se eine Effizienz von über 75%.

Wir stehen also erneut vor dem Faktor 3, welcher die Nutzung der Dampfmaschinen beendete. Heute nun wird dieser Faktor die Nutzung sämtlicher Verbrennungskraftmaschinen beenden – einfach nur, weil es so viel effizienter ohne sie geht. In Kürze wird es weder Diesel- noch Ottomotoren geben, ebensowenig Dampf- oder Gasturbinen, welche im Prinzip auch Verbrennungskraftmaschinen sind.

Übrig bleiben wohl nur Solar- und Windkraftanlagen, Wasserstofferzeugung und Brennstoffzellen, welche so geringe Verluste aufwiesen, dass sie allem Bisherigen weit überlegen sind.

So einfach ist das. Und deswegen ist erneuerbare Energie billiger als alles, was früher war.