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Gut gemeint ist nicht gut

Wer wundert sich nicht darüber, warum die Energiewende so chaotisch und widersprüchlich daherkommt? Warum alles so langsam geht?

Und immer öfter fallen Sätze wie dieser: „Leider haben es die personellen Kapazitäten unsers Verbandes nicht zugelassen, zu dem Punkt der aktuell verhandelten Gesesetzgebung eine Stellungnahme zu verfassen.“

Kein Wunder, wenn Gesetze und Regeln nur noch im Eilverfahren durchgeprügelt werden. Kein Wunder, wenn für Stellungnahmen nur die Zeit von 20 Uhr abends bis 10 Uhr morgens bleibt. Kein Wunder, wenn Regelwerke immer dicker werden und sie niemand mehr wirklich versteht.

Dieser Regelungswut gilt es Einhalt zu gebieten. Der Wunsch nach Regelung und Abschaffen von Ungerechtigkeiten ist nachvollziehbar. ABER: Leider hat fast jede Regelung einer Ungerechtigkeit mehrere neue Ungerechtigkeiten zur Folge, die dann alle wieder geregelt werden wollen.

Das Ergebnis ist eine Regellavine.

Erkennen wir einfach an, daß das Leben sich nicht in perfekte Regeln fassen lässt. Erkennen wir einfach an, daß weniger Regeln mehr Gerechtigkeit bedeuten, wenn nur die wenigen Grundregeln klar sind.

Und eine dieser Grundregeln lautet, daß es möglichst gerecht zugehen sollte – was aber immer wieder neu zu entscheiden und nicht regelbar ist. Die Alternative wäre nur eine vollkommen geregelte Welt voller Ungerechtigkeiten.

Also ersetzen wir das völlig verwucherte EEG durch nur 2 Paragraphen:

1. Das Inverkehrbringen von Maschinen und Apparaten, welche Kohlendioxid emittieren, ist untersagt.

2. Alle Abgaben und Umlagen auf Energie und Energieträger sind ausschließlich pro deren CO2-Emissionen zu erheben, und zwar gleichermaßen für alle Energien und Energieträger.

Alles andere, was für eine erfolgreiche Energiewende erforderlich ist, würde sich dann von selbst regeln.

Ist es eine Utopie, nur so wenige Regeln zu haben? Aber wenn wir das nicht schaffen – was wird dann mit uns geschehen?

Kohleausstieg 2030

Die Stromerzeugung

Das wichtigste für einen erfolgreichen Kohleausstieg ist der Ausbau von Wind- und Solarenergie wie von der Deutschen Energieagentur (dena) vorgeschlagen: Bei Onshore-Wind rechnet die dena-Leitstudie mit einem durchschnittlichen Nettozubau von 3,7 bis 4,0 GW pro Jahr in der Zeit von 2015 bis 2050, bei Photovoltaik mit 2,2 bis 3,6 GW.  Siehe hier S. 27 oben rechts .

Daraus ergibt 2030 eine installierte Windkraftleistung von 100 GW bei einer Stromerzeugung von ca. 250 TWh sowie eine installierte PV-Leistung von 80 GW mit einer Stromerzeugung von 80 TWh. Zusammen mit der Biogasstromerzeugung von 33  TWh und den 60 TWh offshore-Windkraft wären dies ca. 85% des Strombedarfes von 500 TWh. Da allerdings mindestens 100 TWh des erneuerbar erzeugten Stromes für Mobilität und Wärme benötigt werden, verbliebe eine konventionelle Erzeugung von ca. 70 GW mit ca. 180 TWh Stromerzeugung  (35% des Stombedarfes).

Diese konventionelle Erzeugung muß sich vollständig an die Wind- und Solarstromerzeugung anpassen und nur noch die Lücken füllen, wo noch nicht ausreichend Wind- oder Solarerzeugung anliegen. Dafür eignen sich am besten gasbefeuerte Kraft-Wärme-Anlagen (mit zügig steigendem Windgasanteil).

Ein Teil der vorhandenen Kohlekraftwerke könne als Engpaßreserve auf Erdgas umgerüstet werden. Die meisten Kraftwerke sowie sämtliche Tagebaue aber sind stillzulegen.

Die Menschen

Während heute in der Windkraftindustrie in Deutschland 160.000 Menschen arbeiten, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Braunkohle von ehemals 160.000 bereits auf  20.000 verringert (siehe hier Seite 9).

Die Menschen, welche heute in der Braunkohle arbeiten, sind hoch qualifiziert und in der Lage große Maschinen und Anlagen zu errichten und zu betreiben. Genau dies wird für den Ausbau der Windenergie dringend gesucht. Es ist ist also naheliegend, den Strukturwandel in den Kohleregionen mit dem Ausbau der Windenergie, aber auch der Energiespeicherung zu verbinden. Vielfältige Industrien könnten dort angesiedelt werden: Turmbau, Rotorblattfertigung, Generatorbau, Stahlbau, Elektrolysefertigung, Wasserstoffspeicherbau u.v.m. Deutlich schwieriger dagegen wäre die Ansiedlung der Fertigung von Elektronik, Akkumulatoren, Photovoltaik oder Brennstoffzellen, da für diese extrem wissensintensiven Industrien die erforderliche Dichte hochqualifizierter Spezialisten fehlt.

Im übrigen ist das Lohnniveau in der Windindustrie vergleichbar mit dem in der  Braunkohleverstromung. Allerdings werden in der Windkraft bislang pro erzeugter Kilowattstunde doppelt soviele Menschen benötigt. Genau das aber bedeutet, daß es keine Angst vor Arbeitsplatzschwund geben sollte – das Gegenteil ist eher der Fall.

Die Stromkosten

Oft werden die Stromkosten ins Feld geführt, um die Braunkohleverstromung zu rechtfertigen. Die meisten Menschen werden jedoch keine steigenden Strompreise spüren,  weil mit steigenden Börsenstrompreisen die EEG-Umlage in gleichem Maße sinkt. Es werden also weder Jobs verlorengehen, noch wird durch den Kohleausstieg die Wirtschaft leiden.

Und der Börsenstrompreis hat sich auch ohne Kohleausstieg in den letzten zwei Jahren von etwas über 20 €/MWh ausgehend verdoppelt, was im wesentlichen durch gestiegene CO2-Preise (der Preis pro Tonne CO2 im ETS ist von 5 auf 20 € gestiegen, was allein ca. 15 €/MWh ausmacht) und den Kernenergieausstieg bedingt ist. Die Börsenstrompreise haben mit an die 50 €/MWh inzwischen fast das Preisniveau der Stromgestehungskosten neuer Windkraft- oder Solaranlagen erreicht. Abgeschriebene Windenergie- und Solarerzeuger können sogar günstiger produzieren. Da ist also nicht mehr viel Luft nach oben, wenn es um Börsenstrompreise geht.

Natürlich muß sich die stromintensive Industrie damit abfinden, daß Preise von 20 €/MWh künftig nicht mehr erzielbar sind – dies war in der Vergangenheit aber auch nur aufgrund massiver Subventionen (praktisch keine EEG-Umlage) möglich. Das Börsenpreisniveau von heute 50 €/MWh hat jedenfalls nichts mit dem Kohleausstieg zu tun.

Der Strom

Engpässe bei der Stromversorgung oder wachsende Abhängigkeiten von Energieimporten sind ebenfalls nicht zu befürchten. Ein zügiger Ausbau erneuerbarer Energien verbunden mit ausreichend gasbasierten Reservekapazitäten führt eher zu Stromüberschüssen, welche aber auch dringend benötigt werden, um die wachsende Zahl von Wasserstofffahrzeugen mit Windgas, die viele Elektroautos mit Grünstrom und um viele Haushalte immer mehr mit erneuerbarem Strom zu heizen.

Die Speicher

Die Speicherung erneuerbaren Stromes ist, wie an anderer Stelle auf enertrag.org nachzulesen, über die Umwandlung in speicherbare Energieträger (Wasserstoff-Elektrolyse) technisch gelöst. Das deutsche Gasnetz hat mehr Speicherkapazität als für die Energiewende erforderlich und der Preis von Wasserstoffspeichern beträgt ca. 5% der Kosten von Akkumulatoren. Hier muss die Politik nur die richtigen Randbedingungen setzen, siehe hier.

Die Leitungen

Der Netzausbau in Deutschland ist eine notwendige Folge des Atomausstieges. Der Wegfall der Erzeugung im Süden muss durch Leitungen zu anderen Erzeugern ausgeglichen werden.

Mit Wind- oder Solarenergie hat das zunächst wenig zu tun. Würden in Norddeutschland Fusionskraftwerke gebaut statt Windenergie, bräuchte man dieselben Leitungen.

Andererseits: Überschüsse der erneuerbaren Energieerzeugung im Norden ließen sich auch einfach in Wasserstoff umwandeln und ohne Netzausbau per Gasleitung verteilen. Es ist also vollkommen unsinnig, den Ausbau von Wind und Solar vom Netzausbau abhängig zu machen.

Natürlich kann Netzausbau helfen, den Süden günstig zu versorgen.  Verzögerungen beim Netzausbau können auch dazu führen, daß einige wenige Prozent erneuerbaren Stromes ungenutzt bleiben – aber deswegen den Windenergieausbau und damit den größten Teil der Energiewende zu bremsen wäre grob fahrlässig.

Unterm Strich…

…gibt es keinen wirtschaftlich, arbeits- und umweltpolitisch besseren Weg, als einen sehr schnellen Kohleausstieg bis 2030 jetzt zu beginnen. Wer als Politiker hier auf die Bremse tritt, begeht politischen Selbstmord.

Kein Geld für Diesel

Der billigste Weg zu sauberen Autos: Jetzt H2-Brennstoffzellenautos* auf die Strasse – – so schnell wie geht. Jede Investition in Diesel und Benzin ist verfehlt und verloren.

Fahrverbote helfen auch nicht, denn sie erzeugen nur Kosten. Die paar Jahre bis zur H2-Mobilität* müssen wohl die NOx einfach schlucken. Werden wir überleben. Aber kein Geld für Dieselnachrüstung!  Die Mittel sind in Wasserstoffmobilität viel besser angelegt.

Nur der zügige Wechsel zu H2- und E-Mobilität rettet die Autoindustrie vor dem Kollaps. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

 

*das meint natürlich immer Fahrzeuge, welche Kurzstrecke rein elektrisch fahren und für die Langstrecke sowie für energiearme Zeiten ein paar Kilogramm H2 an Bord haben. Und selbstverständlich muß H2 aus 100% erneuerbarer Energie stammen.

Groko, was nun?

Was sind jetzt die vordringlichsten Aufgaben der deutschen Politik im Bereich Energiewende und Klimaschutz? Und wie sollten die gesetzlichen Instrumente dafür aussehen?

Es gibt kein weiter-so in der Energiewende. Einfach nur erneuerbare Leistung zubauen ohne sich um die gesamte Energiefrage (Wärme, Verkehr, Industrie, Speicher, Netzstabilität) zu kümmern führt in die Katastrophe. Das Reden über ungenannte Flexibilitäten, nicht existierende Speicher und unbezahlbare Netzkapazitäten hilft uns nicht weiter.

Was ist jetzt wichtig?

1. Die Herstellung speicherbarer Energieträger für Mobilität, Wärme und Industrie aus erneuerbarem Strom hat oberste Priorität. Nur so kann die Stagnation der Energiewende in diesen Sektoren beendet werden. Dafür müssen alle ungerechtfertigten Belastungen der Umwandlung von erneuerbarem Strom in Wärme oder Energieträger abgeschafft werden – insbesondere die EEG-Umlage und die Stromsteuer.

2. Die Herstellung von speicherbaren Energieträgern wie Wasserstoff ist die größte denkbare Flexibilität und der größte machbare Speicher im Energiesystem. Alle Hemmnisse dafür (2%-Grenze für H2 im Gasnetz, fehlende H2-Tankstellen, zuwenig Forschungsmittel für Brennstoffzellen) müssen zügig abgebaut werden. Die Brennstoffzelle mit ihrem Wirkungsgrad von über 60% ist der Schlußstein der Energiewende.

3. Es müssen gleiche Randbedingungen (level-playing-field) für alle Energie unter CO2-Aspekten geschaffen werden. Am besten geht dies, wenn alle Steuern, Umlagen und Abgaben auf Energie, welche aktuell ca. 100 € pro Tonne CO2 betragen, abgeschafft und durch eine mindestens ebenso hohe CO2-Steuer ersetzt werden.

Wasserstofftank vorn

Vergleicht man die Fahrzeugkosten pro Energieinhalt des Tankes, so wird schnell klar, daß Wasserstofffahrzeuge obwohl sie noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen, viel günstiger sind:

Fahrzeugtyp – Kaufpreis – Energieinhalt Akku bzw. Tank – Preis pro Tankinhalt

Elektrofahrzeuge
VW E-Golf – 35.600 € – 35,8 kWh – 1.000 €/kWh
Tesla Model S – 71.400 € – 75 kWh – 952 €/kWh

Wasserstofffahrzeuge
Toyota Mirai – 78.600 – 165 kWh – 476 €/kWh
Hundai ix35 FC – 65.450€ – 165 kWh – 369 €/kWh

Auch unter Berücksichtigung des Umstandes, daß Wasserstofffahrzeuge ca. das 1,5-fache an Energie pro Kilometer benötigen ergeben sich 729 bzw. 565 €/kWh.

30 € pro Tonne CO2

Ein Mindestpreis im europäischen Emissionshandel von 30 € pro Tonne CO2, wie von Emmanuel Macron vorgeschlagen, würde nur Strom teuerer machen – und zwar um 15 €/MWh gleich 1,5 ct/kWh wie man anhand der CO2-Emissionen des deutschen Strommixes leicht selbst nachrechnen kann:

30\dfrac {Euro}{tCO_{2}}\times 0,53\dfrac {tCO_{2}}{kWh}=1,59\dfrac {ct}{kWh}

 

Um die Sektorkopplung zu befördern und erneuerbaren Strom effektiv zu nutzen und maximal CO2 einzusparen ist es aber erforderlich, daß erneuerbarer Strom sich gegen Öl und Erdgas durchsetzen kann. Dafür hilft der europäische Emissionshandel nichts. Dazu braucht es gleiche Belastungen für alle Energieträger pro Kohlendioxidausstoß.

 

100 € pro Tonne CO2

Auf fast 100 € pro Tonne CO2 summieren sich die heutigen Abgaben und Umlagen auf Energie.

Eine der gegenwärtig drängensten Fragen ist, wie erneuerbare Energien auch ausserhalb des Stromsektors eingesetzt werden können, also für Wärme und Mobilität (Sektorkopplung). Technische Hindernisse gibt es dafür nicht. Dafür aber mehr als reichlich regulatorische Hindernisse. Das größte davon ist die ungleiche Belastung der Energiearten – daher ist es derzeit wirtschaftlich unmöglich, günstigen Windstrom zum Heizen oder für die Treibstoffgewinnung zu nutzen, da Abgaben und Umlagen auf Strom ein vielfaches höher sind, als auf Erdölprodukte.

Viele Menschen fragen sich, wie hoch eine CO2-Steuer sein müßte, mit dem Ziel, die Lasten auf alle CO2-Emissionen gleich zu verteilen. Überraschenderweise läßt sich dies recht einfach abschätzen:

Die Summe aller Abgaben und Umlagen (ohne Mehrwertsteuer) auf Energie liegt in Deutschland bei etwa 77 Mrd. €.

Die jährlichen CO2-Emissionen Deutschlands liegen bei 0,8 Mrd. Tonnen.

Teilt man beide Werte durcheinander, so erhält man ca. 100 € pro Tonne CO2.

Würden alle Abgaben und Umlagen also gestrichen und statt dessen jede Tonne C02 mit mindestens 100 € belastet (für Benzin und Diesel 200 €), ergäben sich gleiche Randbedingungen für alle Energiearten. Mit einer solchen CO2-Steuer wäre es möglich, erneuerbare Energie überall gleichermaßen günstig einzusetzen und der Weg für eine zügige wirtschaftliche Energiewende wäre frei. Die Erlöse aus dieser CO2-Steuer würden zur Gegenfinanzierung aller entfallenen Abgaben und Umlagen eingesetzt.