Kohleausstieg 2030

Die Stromerzeugung

Das wichtigste für einen erfolgreichen Kohleausstieg ist der Ausbau von Wind- und Solarenergie wie von der Deutschen Energieagentur (dena) vorgeschlagen: Bei Onshore-Wind rechnet die dena-Leitstudie mit einem durchschnittlichen Nettozubau von 3,7 bis 4,0 GW pro Jahr in der Zeit von 2015 bis 2050, bei Photovoltaik mit 2,2 bis 3,6 GW.  Siehe hier S. 27 oben rechts .

Daraus ergibt 2030 eine installierte Windkraftleistung von 100 GW bei einer Stromerzeugung von ca. 250 TWh sowie eine installierte PV-Leistung von 80 GW mit einer Stromerzeugung von 80 TWh. Zusammen mit der Biogasstromerzeugung von 33  TWh und den 60 TWh offshore-Windkraft wären dies ca. 85% des Strombedarfes von 500 TWh. Da allerdings mindestens 100 TWh des erneuerbar erzeugten Stromes für Mobilität und Wärme benötigt werden, verbliebe eine konventionelle Erzeugung von ca. 70 GW mit ca. 180 TWh Stromerzeugung  (35% des Stombedarfes).

Diese konventionelle Erzeugung muß sich vollständig an die Wind- und Solarstromerzeugung anpassen und nur noch die Lücken füllen, wo noch nicht ausreichend Wind- oder Solarerzeugung anliegen. Dafür eignen sich am besten gasbefeuerte Kraft-Wärme-Anlagen (mit zügig steigendem Windgasanteil).

Ein Teil der vorhandenen Kohlekraftwerke könne als Engpaßreserve auf Erdgas umgerüstet werden. Die meisten Kraftwerke sowie sämtliche Tagebaue aber sind stillzulegen.

Die Menschen

Während heute in der Windkraftindustrie in Deutschland 160.000 Menschen arbeiten, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Braunkohle von ehemals 160.000 bereits auf  20.000 verringert (siehe hier Seite 9).

Die Menschen, welche heute in der Braunkohle arbeiten, sind hoch qualifiziert und in der Lage große Maschinen und Anlagen zu errichten und zu betreiben. Genau dies wird für den Ausbau der Windenergie dringend gesucht. Es ist ist also naheliegend, den Strukturwandel in den Kohleregionen mit dem Ausbau der Windenergie, aber auch der Energiespeicherung zu verbinden. Vielfältige Industrien könnten dort angesiedelt werden: Turmbau, Rotorblattfertigung, Generatorbau, Stahlbau, Elektrolysefertigung, Wasserstoffspeicherbau u.v.m. Deutlich schwieriger dagegen wäre die Ansiedlung der Fertigung von Elektronik, Akkumulatoren, Photovoltaik oder Brennstoffzellen, da für diese extrem wissensintensiven Industrien die erforderliche Dichte hochqualifizierter Spezialisten fehlt.

Im übrigen ist das Lohnniveau in der Windindustrie vergleichbar mit dem in der  Braunkohleverstromung. Allerdings werden in der Windkraft bislang pro erzeugter Kilowattstunde doppelt soviele Menschen benötigt. Genau das aber bedeutet, daß es keine Angst vor Arbeitsplatzschwund geben sollte – das Gegenteil ist eher der Fall.

Die Stromkosten

Oft werden die Stromkosten ins Feld geführt, um die Braunkohleverstromung zu rechtfertigen. Die meisten Menschen werden jedoch keine steigenden Strompreise spüren,  weil mit steigenden Börsenstrompreisen die EEG-Umlage in gleichem Maße sinkt. Es werden also weder Jobs verlorengehen, noch wird durch den Kohleausstieg die Wirtschaft leiden.

Und der Börsenstrompreis hat sich auch ohne Kohleausstieg in den letzten zwei Jahren von etwas über 20 €/MWh ausgehend verdoppelt, was im wesentlichen durch gestiegene CO2-Preise (der Preis pro Tonne CO2 im ETS ist von 5 auf 20 € gestiegen, was allein ca. 15 €/MWh ausmacht) und den Kernenergieausstieg bedingt ist. Die Börsenstrompreise haben mit an die 50 €/MWh inzwischen fast das Preisniveau der Stromgestehungskosten neuer Windkraft- oder Solaranlagen erreicht. Abgeschriebene Windenergie- und Solarerzeuger können sogar günstiger produzieren. Da ist also nicht mehr viel Luft nach oben, wenn es um Börsenstrompreise geht.

Natürlich muß sich die stromintensive Industrie damit abfinden, daß Preise von 20 €/MWh künftig nicht mehr erzielbar sind – dies war in der Vergangenheit aber auch nur aufgrund massiver Subventionen (praktisch keine EEG-Umlage) möglich. Das Börsenpreisniveau von heute 50 €/MWh hat jedenfalls nichts mit dem Kohleausstieg zu tun.

Der Strom

Engpässe bei der Stromversorgung oder wachsende Abhängigkeiten von Energieimporten sind ebenfalls nicht zu befürchten. Ein zügiger Ausbau erneuerbarer Energien verbunden mit ausreichend gasbasierten Reservekapazitäten führt eher zu Stromüberschüssen, welche aber auch dringend benötigt werden, um die wachsende Zahl von Wasserstofffahrzeugen mit Windgas, die viele Elektroautos mit Grünstrom und um viele Haushalte immer mehr mit erneuerbarem Strom zu heizen.

Die Speicher

Die Speicherung erneuerbaren Stromes ist, wie an anderer Stelle auf enertrag.org nachzulesen, über die Umwandlung in speicherbare Energieträger (Wasserstoff-Elektrolyse) technisch gelöst. Das deutsche Gasnetz hat mehr Speicherkapazität als für die Energiewende erforderlich und der Preis von Wasserstoffspeichern beträgt ca. 5% der Kosten von Akkumulatoren. Hier muss die Politik nur die richtigen Randbedingungen setzen, siehe hier.

Die Leitungen

Der Netzausbau in Deutschland ist eine notwendige Folge des Atomausstieges. Der Wegfall der Erzeugung im Süden muss durch Leitungen zu anderen Erzeugern ausgeglichen werden.

Mit Wind- oder Solarenergie hat das zunächst wenig zu tun. Würden in Norddeutschland Fusionskraftwerke gebaut statt Windenergie, bräuchte man dieselben Leitungen.

Andererseits: Überschüsse der erneuerbaren Energieerzeugung im Norden ließen sich auch einfach in Wasserstoff umwandeln und ohne Netzausbau per Gasleitung verteilen. Es ist also vollkommen unsinnig, den Ausbau von Wind und Solar vom Netzausbau abhängig zu machen.

Natürlich kann Netzausbau helfen, den Süden günstig zu versorgen.  Verzögerungen beim Netzausbau können auch dazu führen, daß einige wenige Prozent erneuerbaren Stromes ungenutzt bleiben – aber deswegen den Windenergieausbau und damit den größten Teil der Energiewende zu bremsen wäre grob fahrlässig.

Unterm Strich…

…gibt es keinen wirtschaftlich, arbeits- und umweltpolitisch besseren Weg, als einen sehr schnellen Kohleausstieg bis 2030 jetzt zu beginnen. Wer als Politiker hier auf die Bremse tritt, begeht politischen Selbstmord.

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