Verantwortungsvoller Eigenverbrauch

Wo Menschen sich selbst mit erneuerbarer Energie versorgen wollen, sollte dies ohne Einschränkungen, Hindernisse und Belastungen möglich sein – ebenso wie jeder Apfel, der aus dem Garten kommt, nicht importiert werden muss. Aktuell aber ist in zweierlei Hinsicht das Gegenteil der Fall:

Einerseits gibt es viele Hindernisse: Selbsterzeugter erneuerbarer Strom wird ab 30 kW installierter Leistung mit EEG-Umlage belastet und so in vielen Fällen unwirtschaftlich, insbesondere wenn Kosten für Messeinrichtungen und Bürokratie dazukommen. Auch ist es wirtschaftlich unmöglich, seinem Nachbar Strom zu liefern, obwohl dies sinnvoll wäre. Mieterstrommodelle rechnen sich wegen erheblicher Kosten für Abrechnung, Vertrieb und Messungen nicht. Statt diese Kosten abzuschaffen, wurde eine Mieterstromförderung eingeführt, die aber nicht funktioniert.

Andererseits aber gibt es eine Reihe von Fehlanreizen beim Eigenverbrauch: wer z.B. die Hälfte seines Stromes selbst erzeugt, beteiligt sich oft weniger an den Kosten der Stromnetze, denn diese Kosten werden bis auf bei wenigen Großabnehmern pro Kilowattstunde berechnet. Dasselbe gilt für die Bereitstellung gesicherter Leistung – auch sie ist pauschal im Strompreis enthalten.

So entsteht eine Gemengelage aus Vor- und Nachteilen, in welcher die Stromnutzer sich versuchen zu optimieren und das letztlich zu Lasten der Gesamteffizient und der Allgemeinheit.

Eine Frage im Rahmen des Strommarktdesigns, welche durch die hier gemachten Vorschläge gelöst werden kann, lautet also:

Wie kann ein verantwortungsvoller Eigenverbrauch aussehen?

Das Ziel muss sein, dass jeder Eigenverbrauch, egal ob 10 kW oder 1000 MW, auf der einen Seiten vollkommen lasten und bürokratiefrei wird und auf der anderen Seite der Eigenverbraucher keinerlei Lasten oder Kosten der Allgemeinheit aufbürden kann. Nur dann kann der Eigenverbraucher die für sich und alle richtige Lösung finden. Was ist dafür zu ändern?

1. Alle Belastungen des Eigenverbrauchs müssen abgeschafft werden, insbesondere die EEG-Umlage auf selbst erzeugten und verbrauchten Strom. Die Logik der Entsozialisierung, die sagt „es soll verhindert werden, dass einige sich aus dem Stromsystem ausklinken, damit es für die verbleibenden nicht teuerer wird“ ist falsch, denn sie verhindert nur den wünschenswerten Eigenverbrauch. Wer Rad fahren will, muss ja auch keine Strassenbahnfahrkarte kaufen, nur weil die Strassenbahn schon da ist. Im übrigen steht ohnehin ein Systemwandel an, in dessen Ergebnis die heutige EEG-Umlage nicht mehr auf der Kilowattstunde Strom, sondern auf dem Kilogramm CO2-Emission des jeweiligen Energieträgers lasten wird.

2. Alle Vorschriften über Messung und Verrechnung für erneuerbaren Stromaustausch zwischen Nachbar, Mietern oder anderen Nutzern, die untereinander Energie über eigene Leitungen austauschen wollen, müssen aufgehoben werden – denn sie sind hier nur kontraproduktiv und unnütz. Wenn Nachbarn oder Mieter ihren Strom über eine eigene Leitung ohne Zähler austauschen wollen, so sollen sie das eben tun können.

3. Auf der anderen Seite müssen die Vorteile, welche die Eigenversorger noch aus dem Stromsystem beziehen wollen, angemessen kostendeckend von ihnen bezahlt werden: sie müssen also ein festes Netzentgelt pro gesicherter Leistung sowie ein Netzentgelt zahlen.

Intelligente Meß- und Regelsysteme können in der Praxis für eine einfache Umsetzung sorgen. Da für die Bezugs- und Einspeiseplanung soll, siehe 4., ein Fahrplan erstellt werden muss, kann sich das Steuersystem des Betreibers auf Engpässe einstellen.

4. An der Schnittstelle zum öffentlichen Netz müssen Eigenverbraucher einen Fahrplan für Bezug und Einspeisung liefern, denn für sie gilt keinerlei Standardlastprofil mehr, welches man aber für den sicheren Betrieb des öffentlichen Strommetzes benötigt. Für Eigenverbrauchslösungen in Kombination aus Erzeugung und Speichern ist dies aber mit hinreichender Genauigkeit Stand inzwischen der Technik, zumindest „day-ahead“ – und zwar auch für Haushaltskunden.

5. Hinter der Schnittstelle zum öffentliche Netz, im privaten Bereich, muss sich der Eigenerzeuger allerdings komplett selbst um den Netzbetrieb kümmern. Diese Funktion übernimmt die zentrale Steuerung des Eigenverbrauchers, welche Bezug, Einspeisung, Eigenerzeugung und Selbstverbrauch permanent erfasst, eine Prognose erstellt und diese zugänglich macht. Inzwischen ist es möglich, dass jeder einzelne Stromverbraucher bis hin zur letzten Glühlampe seinen Momentanverbrauch permanent an die Steuerung übermittelt.

Wie rechnet sich das dann?

Wie hoch müsste ein festes Netzentgelt sein? Für Haushalte lässt es sich aus den derzeitigen arbeitsbezogenen Netzentgelten abschätzen: In den grob 3000 kWh privatem Stromverbrauch pro Haushalt sind derzeit ca. 200 € Netzentgelt für eine Netzanschluß mit standardmässig 14,5 kW enthalten. Das entspricht etwa 14 €/kW im Jahr. Eine Umstellung auf Netzentgelte, welche auch die Transportentfernung berücksichtigen, würde langfristig die Kosten nur senken.

Mit Hilfe eines Energiespeichers von 10 kWh (der auch aus dem Netz nachladbar wäre) lässt sich die Anschlussleistung aber auf 1 kW beschränken, so dass fast 200 € jährlicher Ersparnis den Speicherkosten von 1000 € gegenüberstehen. Bei 10-jähriger Nutzung entsteht so eine Ersparnis von 100 € jährlich. Die freie Netzkapazität stünde anderswo für E-Mobilität oder Wärmepumpen zur Verfügung.

Die Höhe des festen Leistungsentgeltes für gesicherte Leistung ist schwieriger abzuschätzen und wäre über Ausschreibungen zu ermitteln. Ein Wert in etwa gleicher Höhe des festen Netzentgeltes wäre dabei nicht überraschend. Maßstab könnten Notstromaggregate auf Pflanzenölbasis sein, welche für 500-1000 €/kW erhältlich sind, woraus sich, die Wartung vernachlässigend, als Maximalabschätzung jährliche Kosten von 25-50 €/kW ergeben. Haushaltkunden, welche über einen Energiespeicher verfügen, benötigen aber idealerweise nur 3000 kWh Jahresstromverbrauch / 8760 Std. im Jahr = 0,34 kW gesicherte Leistung, was also 5 – 15 € jährlich kosten würde. Dazu kämen Energieträgerkosten in Höhe von maximal 20 ct/kWh (z.B. erneuerbar hergestellter Wasserstoff), was für 500 Betriebsstunden und 0,34 kW, also 170 kWh, 34 € ergibt. Insgesamt könnte man jährlich 50 € für die gesicherte Leistung eines Haushaltes erwarten.

Wer natürlich sicherstellen möchte, dass trotz elektrischem Warmwassererhitzer nach dem Duschen immer noch genug Energie zum Kochen eines grossen Menüs vorhanden ist, sollte mehr gesicherte Leistung oder einen grösseren Akku erwerben.

Wie oben gezeigt, spart der Ersatz von Netzanschlusskapazität durch einen Energiespeicher bereits Geld. Üblicherweise ist der Energiespeicher mit einer Solaranlage verbunden, welche den Strom ebenfalls günstiger erzeugt als der Stromkauf kosten würde. Die Leistungsprognose ist bei einigen Anbietern bereits in der Software enthalten und verursacht im Grunde keine zusätzlichen Kosten, so daß selbst trotz der Kosten für gesicherte Leistung eine Ersparnis gegenüber reinem Netzbezug erzielbar ist. Offenbar lohnt sich verantwortlicher Eigenverbrauch sowohl für den Verbraucher, welcher Geld spart, als auch für die Allgemeinheit, welche weniger in Netzausbau und Leistungsvorhalten investieren muss. Natürlich setzt das Modell Speicher für Strom und, sofern die Wärme aus Strom gewonnen werden, auch für Wärme voraus – denn letztlich verlangt jeder erneuerbare Versorgung ausreichend Speicher.

Verantwortungsvoller Eigenverbrauch kann also ein wertvoller Bestandteil der Sektorkopplung werden, insbesondere wenn er auf Heizung und Mobilität weitergedacht wird und sich Nachbarn vernetzen. Und natürlich funktioniert das auch mit grossen und sehr grossen Leistungen.

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