Eine Nacht zum Montag

Kurt, ein guter Freund aus den Anfängen der Energiewende und selbst Kraftwerker wie ich, schrieb mir jüngst: „Doch da denke ich, es geht viel zu langsam vorwärts. Viel wird von der Energiespeicherung geredet, seltener von der Rückverstromung, die doch im Energiesystem gleichwertig sein muss. So oft denke ich an mein Berufsleben als Diensthabender Ingenieur des Kombinates daran zurück, wie schwierig es war, insbesondere bei hohem Bedarf, nach einem Wochenende, in der Nacht vom Sonntag zu Montag, die Leistung hochzufahren. Einige Tausend MW in kurzer Zeit. Ich habe Schwierigkeiten mir vorzustellen, wie in Zukunft große Leistungseinheiten in kurzer Zeit, sicherlich auch auf Kommando, an das Netz zu bringen sind. Dafür waren große Kraftwerksblöcke geeignet. Jetzt soll ein Anfang im Rahmen eines Reallabor mit 10 MW für die Rückverstromung gemacht werden. Da bleibt noch lange eine große Lücke.“

Lieber Kurt, ja so scheint es. Aber ich bin mir sicher, wir können das auch ohne unsere Großkraftwerke. Wie wird ein solcher früher Montagmorgen künftig aussehen? Im einfachen Fall weht genug Wind oder es wird am Morgen genug Sonne scheinen. Das sind die Tage, wo mehrere hundert Gigawatt Elektrolyse direkt an den Windkraft- und Solaranlagen im ständigen Teillastbetrieb sind und die Energie, welche Sonntagabend niemand braucht in sich aufnehmen und Wasserstoff als speicherbaren Energieträger erzeugen. Und wenn dann in den frühen Morgenstunden der Strombedarf steigt, dann wird die Elektrolyse entsprechend heruntergefahren, damit genug Strom für alle im Netz ist.

Etwas schwieriger wird es, wenn das Erzeugungspotenzial von Wind und Sonne nicht ausreicht. An einem solchen Montagmorgen werden aller Voraussicht nach Millionen von Brennstoffzellen anspringen, welche in vielen Haushalten als Reservestromquelle für Wärmepumpen existieren. Weitere Millionen von Brennstoffzellen in Autos, welche diese Technologie nutzen, verbinden sich mit dem Stromnetz und speisen ebenfalls ein. Und wir werden natürlich auch 300 Megawatt aus unserem Verbundkraftwerk einspeisen – ebenfalls aus Brennstoffzellen. Und all diese Brennstoffzellen nutzen den Wasserstoff, der an energiereicheren Tagen erzeugt und gespeichert wurde.

Nun kann man sich fragen, ob es bis 2050 wirklich soviele Brennstoffzellen geben wird. Das weiß ich auch nicht. Aber ich weiß zwei Dinge: Erstens: es geht auch ohne Brennstoffzellen, nämlich indem Wasserstoff oder Biogas in grossen Gasturbinen zu Strom gewandelt wird. Die heutige Biogasmenge würde bereits ausreichen, um alle Zeit mit wenig Wind und Sonne zu durchfahren. Und zweitens: ohne billige Brennstoffzellen wäre es leider deutlich teurer, aber immer noch bezahlbar – denn die Engpaßzeiten, in denen weder genug Wind noch Sonne da sind, summieren sich nur auf ca. 500 Stunden im Jahr. Und da werden wir immer irgendwie durchkommen.

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