Volle Fahrt statt Langsamfahrt – Was fehlt noch in dieser Legislatur für die Energiewende?

Die Bundesregierung ist mit enormen Ambitionen gestartet und hat eine Auszeichnung verdient, weil sie die Energiewende wieder aufgegleist und das richtige Tempo gesetzlich verankert hat. Doch noch stehen die Signale auf Gelb, auf kompromissgebremster Langsamfahrt.

Der zunehmende Ausbau verlangt vor allem nach Verbundkraftwerken als Teil der Kraftwerksstrategie, welche die Erzeugung aus Solar und Wind direkt ohne öffentlichen Netzausbau mit der Speicherung in Wasserstoff und Wärme verbinden. Nur so bleiben die Netzentgelte im Rahmen. Nur so findet Wertschöpfung an den Standorten der Energieerzeugung statt. Nur so können wir den H2-Bedarf der Industrie schnell decken. Nur so steigt die Akzeptanz.

 Die Kraftwerksstrategie baut auf dem Fundament der Erzeugung auf. Richtig. Doch noch in dieser Legislaturperiode müssen die Grundlagen für den darauf geplanten Rohbau gesetzlich verankert werden, damit genug Wasserstoff systemdienlich und erzeugungsnah hergestellt wird. Das wichtige Element sind klare regulatorische Bedingungen für den Strombezug von Elektrolyse und Wärmespeichern über Direktleitungen, vorrangig vor Netzbezug. Dazu gehört auch, dass an jedem Netzanschluss Wind und PV 1:1 anzuschließen sind. Ohne Verbundkraftwerke, also die Kraft-Wasserstoff-Wärmekopplung vor dem Netz, wird das System teuer und instabil.

 Energiewende muss schnell und günstig sein. Dazu gehört die Duldungspflicht von Leitungen und Wegenutzung nicht nur durch die öffentliche Hand, sondern durch jedermann. 10 – 20 km Leitung mit 100 – 200 Leitungsgrundstücken pro Projekt sind normal. Das darf nicht durch ewige Verhandlungen und am Ende teuere Verträge zulasten der Stromverbraucher erschwert werden. Das gilt auch für die Mitnutzung vorhandener Wege. Natürlich müssen auch die anderen Baustellen fertig werden: BImSchG, BauGB, BNatSchG, Bundeswaldgesetz und nationale Umsetzung der so genehmigungsrelevanten RED III.

 Die Kosten der Landnutzung müssen wieder sinken. Heutige Pachten verteuern die Energiewende um 20%, wobei ausgerechnet die staatlichen Verpächter die Preise treiben. Lösbar ist das Problem ausschließlich durch ein massives Überangebot an Flächen für Wind und Solar, welches die Preise fallen lässt. Es müssen mehr Flächen ausgewiesen werden, als benötigt werden. Dafür braucht es Vorgaben und Anreize. Sonst droht ein Kahlschlag in unserer erneuerbaren Firmenvielfalt durch Großbetriebe mit Quersubventionsbudget, manchmal sogar gespeist aus Kohleabfindung. Dabei lebt die Energiewende von der Akteursvielfalt und Verankerung vor Ort.

 Eines noch: Eine Volumenabsenkung von 4.093 MW auf 2.795 MW für die Ausschreibungen am 1. Mai 2024 ist hochgefährlich, zumal aus 2023-24 fast 4.700 MW Genehmigungen noch ohne Zuschlag sind. Nachdem der Höchstwert angepasst wurde, muss nun das maximale Volumen auch gebaut werden. Volle Fahrt statt Langsamfahrt.

 Nadine Kanu, Martin Beckmann und Jörg Müller, ENERTRAG, veröffentlicht in Neue Energie Mai 2024 S.26

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Ein erneuerbares Energiesystem

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen