Zum Beitrag von Lion Hirth u.a. in der FAZ vom 2. Januar 2025
Ja, es ist vollkommen richtig, dass die Energiewende keine Kehrtwende oder grosse Reform braucht. Ein Anzahl kleiner oder auch größerer Korrekturen im Rechtsrahmen würde Irrtümer der Vergangenheit heilen und die Kosten deutlich senken. Zu den 22 Punkten gibt es aber dennoch einiges zu sagen:
- Eine Anpassung des Zubaus erneuerbarer Energien unter Beibehaltung des 80%-Zieles ist eine missverständliche Forderung. Die Zubauziele im EEG von 8 GW Wind und 21 GW PV entsprechen etwa der langfristigen natürlichen jährlichen Erneuerungsrate dieser Energieanlagen und sind also wissenschaftlich korrekt. Anpassungen sind nur bezüglich einzelner teuerer Technologien nötig, siehe unten.
- Eine Anpassung des Netzausbaus ohne Abbruch bestehender Projekte ist sicher ratsam, denn bislang wurden die Auswirkungen des Wasserstoffkernnetzes auf den Netzausbau nicht berücksichtigt. Der Energietransport über H2-Netze aber ist viel kostengünstiger, als der Stromtransport und politisch im Gegensatz zu Stromleitungen kein Problem.
- Auch eine Giesskannenförderung energieintensiver Betriebe ist nicht sinnvoll. Hier muss priorisiert werden. Viel wichtiger aber ist die strategische Anpassung der Industrie an Preisschwankungen im Stromsektor – in einem Zeitalter erneuerbarer Energie sind Produktionsverfahren, welche rund um die Uhr produzieren oft nicht mehr sinnvoll.
- Die Anpassung des Wasserstoffkernetzes an einen noch garnicht bekannten realistischen Bedarf und an Importrouten ist derzeit nicht angezeigt. Das Kernnetz muss zügig in Betrieb gehen (und die fehlende Leitung in die Prignitz muss dazu!), denn es ermöglicht die großtechnische Speicherung von Wind- und Solarenergie in Form des Energieträgers H2. Der Import von Wasserstoff über den Seeweg ist keine Option, weil viel zu teuer – da kommt nur Ammoniak in Frage. Und Nachbarländer, welche uns in absehbarer Zeit per Rohrleitung H2 liefern wollen haben wir nicht. Das einzige Land, welches langfristig H2 liefern wollte, war Rußland, weshalb die NordStream-Rohre auch H2-ready sind. Aber das haben wir nun wohl vergeigt.
- Der Einsatz von blauem Wasserstoff (aus Erdgas-Dampfreformierung mit CCS, also Verpressung des CO2 in die Erde) wird leider auch in diesem Beitrag gefordert. Er ist aber langfristig keine Option und warum sollten man überhaupt erst damit anfangen? Führt das nicht nur dazu, den LNG-Absatz zu erhöhen und Trumps „Drill Baby, drill“ in den Wahnsinn zu steigern?
- Ein schneller Zubau von Gaskraftwerken ist, solange die viel effizientere und billigere Brennstoffzelle noch kein Massenprodukt ist, eine sinnvolle Option. Aber das diese für den Einsatz von H2 bereit sein müssen, ist unverzichtbar um klar zu machen, dass Erdgas keine Zukunft hat und Fehlentwicklungen zu vermeiden.
- Die Abschaffung der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen ist sinnvoll, wenn gleichzeitig Rahmenbedingen dafür geschaffen werden, dass Gebäude-Photovoltaik sich ohne Förderung lohnt bzw. im Neubau Pflicht wird. Gleichzeitig müssen Netzentgelte so geregelt werden, dass diese Anlagen sich volkswirtschaftlich optimal verhalten.
- Eine zügige Abschaffung der Förderprogramme für Heimspeicher, also Akkus, ist in diesem Zuge auch sinnvoll.
- Die angemessene Beteiligung von Eigenverbrauchsanlagen an den Kosten des Stromnetzes und der Bereitstellung gesicherter Leistung ist essentiell und längst überflüssig. Ob komplizierte dynamische Netzentgelte die Lösung sind, soll aber bestritten werden – immerhin ist der Anteil der Haushalte am Stromverbrauch mit unter 20% zu gering für so komplexe Lösungen. Es geht, wie in diesem Absatz verlinkt, auch einfacher.
- Die Regelungen für PV-Freiflächenanlagen kann man sicher verbessern, wir sollten aber nicht vergessen, dass die möglichst geringe Beeinträchtigung der Landwirtschaft hier die wichtigste Akzeptanzgrundlage ist. Viel wichtiger erscheint es, den überbordenden Netzausbau für Freiflächen PV dadurch zu stoppen, dass ein Anschluss an vorhandene Windkraftnetze Pflicht wird.
- Die Beendigung der Innovationsausschreibungen für Akkumulatorprojekte, welche sich auch so rechenen wird sicher kommen.
- Das Auslaufen der Biogasverstromung ist aufgrund der hohen Kosten von Biogas und der damit verbundenen Umweltlasten tatsächlich wichtig.
- Die Reduktion der Offshore-Ausbauziele von 70 auf 50 GW oder weniger wäre eine starke kostensenkende Maßnahme, denn Offshore-Windkraft ist unverändert doppelt so teuer wie an Land.
- Die Forderung, dass die steigenden Genehmigungen im Rahmen der Ausschreibungen auch zu Kostensenkungen führen erscheint überflüssig, denn das wird bei hinreichender Überzeichnung von selbst geschehen.
- Dass die Stromerzeugung sich konsequent an Preissignalen ausrichten soll ist sicher nicht verkehrt – aber nicht hinreichend. Nur in Verbindung mit Verbundkraftwerken und Speichern ergibt sie Sinn, denn der erzeugbare Strom muss als Energieträger nutzbar gemacht werden, wenn die Stromnachfrage gedeckt ist.
- Die Forderung Freileitungen statt Erdkabel zu bauen ist absolut sinnvoll und spart Milliarden. Noch günstiger sind aber vielerorts Wasserstoffleitungen.
- Die Teilung der deutschen Strompreiszone wird immer wieder gern gefordert und war noch nie mehrheitsfähig. Nach wie vor erscheint eine Lösung über entfernungsabhängige Netzentgelte hier einfacher.
- Ein konsequentes Unbundling in den Verteilnetzen ist immer sinnvoll.
- Ob ein Einbau von intelligenten Stromzähler im Haushaltsbereich mit Steuerung über das Internet viel hilft oder im Gegenteil zum Blackout führt (Marc Elsberg) ist ein viel zu wenig diskutiertes Thema.
- Die Vergabe von Netzanschlüssen nach ökonomischen Kriterien und jedenfalls nicht nach Antragseingang ist absolut sinnvoll – wenn dies zum zügigen Entstehen von Verbundkraftwerken führt.
- Das sich die Behebung von Netzengpässen an den Kosten ausrichten muss, auch bei der Abregelung von Erneuerbaren, ist eigentlich klar – aber dennoch leichter gesagt als getan. Auf keinen Fall darf die Finanzierung des Zubaus dadurch viel teurer werden, dass Unsicherheiten bezüglich der zu erwartenden Erlöse zu massiven Zinsaufschlägen führen – was die Energiewende viel stärker mit Kosten belasten würde.
- Und ja: die Netzentgeltrabatte für die Industrie müssen intelligenter ausgestaltet werden, sodass sie
einer Strommarktorientierung nicht im Wege stehen. Am besten sollte es garkeine Rabatte geben. Und ganz wichtig: Elektrolyseure müssen (entfernungsabhängige) Netzentgelte zahlen, denn es hat keinerlei Sinn, den H2 erzeugerfern herzustellen, wenn der Transport von H2 durch Rohre weniger als 10% des Stromtransportes kostet.
